Im
ersten Teil unseres Interviews mit
Dr. Joachim Kaps hat der Verlagsleiter den Entschluss von
TOKYOPOP zur Unterbrechung des DVD-Programms begründet und die Auswirkungen dieser Entscheidung geschildert. Er hat die Situation der DVD auf dem deutschen sowie internationalen Markt und den Schaden dargestellt, den Raubkopien verursachen.
Zwar ist die aktuelle Situation primär ein Problem für die Publisher weltweit, aber in einigen Jahren wird auch der Endverbraucher die Auswirkungen zu spüren bekommen. Denn wenn der Anime-Markt weiterhin dermaßen geschwächt wird, sinkt auch die Produktion in Japan und zieht einen Rückgang neuer Anime nach sich.
Was können die Publisher gegen diese bedrohliche Entwicklung unternehmen, was kann jeder Einzelne tun? Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir mit Dr. Kaps über mögliche Lösungen der Anime-Problematik, über Alternativen zur DVD-Veröffentlichung und über das Thema Mangascanlations.
AnimeY: Sind Sie der Ansicht, dass die Fahndungen nach Raubkopierern etwas bringen?
Dr. Kaps: Die sind im Moment herzlich nutzlos. Es gibt viele, die versucht haben, nach Raubkopierern zu fahnden. In der Vergangenheit wurde das von
TOKYOPOP pro forma auch immer wieder gemacht. Das Internet ist allerdings ein komplett unkontrollierbarer Kanal. In dem Moment, in dem ich das eine Portal schließe, machen am nächsten Tag zehn andere wieder auf. Als würde man versuchen, im Herbst den Hof blätterrein zu bekommen – man hat einfach keine Chance. Irgendwann muss man sich fragen, ob das die geeigneten Maßnahmen sind. Das System hat einfach zu viele rechtliche Lücken.
AnimeY: Also bilden eher die rechtlichen Schlüpflöcher das Problem?
Dr. Kaps: Was das Web angeht, ist die Situation in Amerika heute so, dass theoretisch keiner dafür belangt werden kann, wenn er über seine Website den kompletten
Naruto zum Download anbietet, solange der Inhaber der Rechte sich nicht bei ihm beschwert. Daraus entsteht eine Art Verfolgungsstrategie, bei der jeder sagt: „Na ja, ich stell das drauf, und wenn sich einer beschwert, nehme ich es runter“. Das ist das, was beispielsweise
Youtube macht. Ich weiß von Kollegen, dass sie inzwischen jeden Tag eine automatische Mail versenden, damit alles runter genommen wird – und als Reaktion darauf werden die Files auch gelöscht. Aber dann sitzt der Nächste schon wieder in den Startlöchern und lädt sie hoch, so dass man wieder sagen muss: „Das ist jetzt aber dasselbe wie gestern, und das sollte auch nicht sein.“
Solange diese Politik in Amerika juristisch legal ist, kann man niemandem vorwerfen, dass er ihr folgt. Das heißt, das Problem fängt eigentlich ganz woanders an. Letztes Jahr hat sich der Verband der Anime-Produzenten in Japan offiziell bei der amerikanischen Regierung über diesen rechtlichen Zustand beschwert. Es wird nach wie vor massiv Druck ausgeübt, um das zu ändern. Nun ist das mit dem Druck auf Amerika aber eine schwierige Angelegenheit, die ja auch in anderen politischen Feldern wenig Effekt hat. So schnell wird sich da nichts ändern.
Wenn das auf dem größten Markt der Welt die Grundlage der Handhabung ist, ist es wenig sinnvoll, die einzelnen Anwender dafür verantwortlich zu machen, weil sie mit Recht sagen können: „Wieso?
Youtube macht das doch auch.“
AnimeY: Gäbe es eine Alternative zur DVD-Veröffentlichung, die es dem Fan ermöglicht, auf legalem Wege an seine Lieblings- serien zu kommen?
Dr. Kaps: In den kommenden Jahren können wir sicher im legalen Downloadbereich neue Kanäle sehen, die sich aber nicht mehr mit bisherigen Wegen im DVD-Bereich vergleichen lassen. Im Musikbereich hat sich gezeigt, dass sich mit einer vernünftigen Technik und einer fairen Handhabung des Rechtemanagements gute Ergebnisse erzielen lassen, die auch die Nutzer zufrieden stellen.
Ich glaube, wenn sich das etabliert, wird der legale Download für Anime ein wichtiger Bereich werden. Erfahrungsgemäß wird das nicht in der gleichen Größenordnung zu etablieren sein, wie das früher über Hardcopies der Fall war. Die Finanzierung neuer Programme wird die Anbieter daher trotzdem vor Probleme stellen.
AnimeY: Gibt es außerhalb Deutschlands denn Ideen für Alternativen, die durchsetzbar wären?
Dr. Kaps: Es gibt schöne Beispiele dafür, dass sich das Ganze kreativ ganz anders lösen lässt. Die Kollegen von
VIZ Media machen in Amerika zusammen mit
Cartoon Networks einen werbefinanzierten Channell für Anime über das Web. Das ist eigentlich eine recht alte Antwort, weil es das Grundprinzip Fernsehen auf das Web überträgt. Man kann sich Sendungen zu bestimmten Zeiten anschauen und muss dafür mit Werbeeinblendungen vorlieb nehmen, zum Beispiel
„Coca Cola präsentiert Naruto“. Das ist aber immer noch besser als im privaten Fernsehen, wo der Film immer wieder unterbrochen wird. Da finde ich so ein Banner fast angenehmer. Mag sein, dass auch das ein Weg wird, um Produktionen auf Dauer zu ermöglichen.
Wir sprechen mit vielen Leuten aus allen Ländern und Bereichen. Eine ernsthafte Prognose, wie sich Alternativen entwickeln können, kann im Moment niemand von ihnen geben.
AnimeY: Denkt TOKYOPOP im Moment über alternative Anime- Angebote wie zum Beispiel Download-Möglichkeiten nach?
Dr. Kaps: Wir sind seit Beginn mit vielen Kanälen über Alternativen zur DVD im Gespräch gewesen. Es gibt Anbieter, die bereits eine Art Alternative im Internet anbieten. Es gibt auch etliche Firmen, die es versucht, aber letztendlich wieder gecancelt haben.
T-Online hat versucht, ein Anime-Portal aufzubauen.
Anime Virtual macht seit kurzem etwas Ähnliches [Anm. d. Redaktion:
Anime on Demand]. Das ganz große Problem daran ist im Moment, dass die Zahlen der Downloads aktuell noch viel niedriger sind als die Verkaufszahlen der DVDs. Es ist eine schöne Lösung für zusätzliche Einnahmen, wenn man bereits alles bezahlt und seine DVDs verkauft hat. Aber es reicht bei weitem nicht aus, um beispielsweise eine Synchronisation zu finanzieren. Dafür sind alle Werte, die uns zumindest vorliegen, Lichtjahre entfernt. Es wird Zeit brauchen, bis sich da eine neue Struktur entwickelt, mit der man dieses Finan- zierungsproblem lösen kann.
Es wird sich keiner finden, der in der jetzigen Situation mutig sagt: „Dann nehmen wir mal 30 Millionen in die Hand und schauen, ob’s geht.“ Das ist tatsächlich ein Problem, allerdings nicht das der Fans, sondern der Leute, die am Markt beteiligt sind.