Hori-shi - Special
Die Kunst des Tätowierens geht in Japan Tausende von Jahren zurück und gewinnt trotz negativer Konnotationen in naher Vergangenheit heute wieder an Popularität. Die Faszination für die Ganz-Körper-Kunstwerke fördert Eye See Movies nun mit der Veröffentlichung der Dokumentation „Hori-shi“, die namhafte Tätowierer in Japan bei der Arbeit zeigt und sich mit der Bedeutung dieser Kunst beschäftigt.
Arbeiten auf einer menschlichen Leinwand

„Hori-shi“ ist eine Bezeichnung für die Künstler, die das Tätowieren in Japan praktizieren. „Irezumi“ nennt sich diese Kunst, die eine alte japanische Tradition darstellt. Obwohl die Tätowierungen zu Beginn überwiegend spirituelle Bedeutung hatten, wurden sie in der Meiji-Zeit verboten und zu Zeichen von Verbrechern – insbesondere der Yakuza. Trotz der inzwischen erfolgten Legalisierung sind Menschen mit Irezumi noch heute in manchen Etablissements wie öffentlichen Bädern und Fitnessstudios nicht zugelassen.
Historische Irezumi

So viel zum Kontext. Viel mehr als diese spärlichen Informationen enthält auch die Dokumentation „Hori-shi“ nicht zum historischen Hintergrund dieser Praxis. Stattdessen konzentriert sie sich auf die heutige Existenz von Irezumi und folgt der Arbeit vierer Meister ihres Fachs. Dabei ist die hauptsächliche Leistung der Filmemacher, verschiedene Bilder von Irezumi-Trägern abgelichtet und langsam mit der Kamera aufgenommen zu haben. Detail-Aufnahmen des Tätowierprozesses bieten ebenfalls einen einzigartigen Einblick in die moderne Verschränkung von Technik und Kunst.
Besonders spannend ist dabei die Mitwirkung einer weiblichen Hori-shi an der Dokumentation. In einer von Männern beherrschten Branche erzählt sie von ihrem harten Kampf um Anerkennung – leider mit der Japanern eigenen Zurückhaltung, ohne die Steine zu benennen, die ihr in den Weg gelegt wurden. Doch auch ohne viele Worte ist der Anblick der schlanken Frau mit ihrem Werkzeug und den tätowierten Armen ernüchternd.
Der Schüler eines Hori-shi übt die Kunst zunächst an sich selbst

Visuell ist „Hori-shi“ in wahrstem Sinne des Wortes bestechend. Ohne Scheu folgt die Kamera den Tätowierern in ihre Studios und blickt ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter. So kann der Zuschauer – je nach Abhärtungsgrad fasziniert oder entsetzt – dabei zusehen, wie Schicht um Schicht Farbe in menschliche Leinwände gestochen wird. Die Langwidrigkeit des Prozesses wird spätestens dann klar, wenn nach fünf Minuten Aufnahmezeit noch immer dieselbe Schuppe des Goldkarpfens bearbeitet wird. Ein „Ganz-Körper-Anzug“ aus Tätowierungen kann von einem bis zu fünf Jahren dauern, wenn der Kunde mindestens einmal pro Woche beim Hori-shi vorbeischaut – und das nötige Kleingeld hat.
Solche Informationen sind bei der Dokumentation leider ebenfalls dünn gesät. Sie lässt eher Bilder als Worte sprechen und selbst bei den Interviews mit den Künstlern und ihren Kunden sind die Fragen eher allgemein gehalten: „Was hat Sie dazu bewegt, sich tätowieren zu lassen?“ – „Was fasziniert Sie an Irezumi?“ – „Tut es weh, tätowiert zu werden?“
Bestechende Nahaufnahmen zeichnen die Dokumentation aus

Tut es weh, tätowiert zu werden? Ohne Zögern antworten alle Befragten mit einem kräftigen Ja, aber es scheint ihnen nichts auszumachen. Auch die Nahaufnahmen eines Hori-shi bei der Arbeit gehen zwar unter die Haut, werden aber schnell zur Entstehung eines Kunstwerks – nach wenigen Minuten der Dokumentation hat sich der Zuschauer zwangsläufig daran gewöhnt, den nackten menschlichen Körper als ein Objekt wahrzunehmen, das bequem zerlegt und „bemalt“ werden kann. Die Irezumi-Träger werden anscheinend ohne jedes Schamgefühl von vorn und hinten fotografiert und als Kunstwerk des jeweiligen Meisters ausgestellt (nicht zu vergessen, signiert!) – obwohl auch hier Frauen meistens nur am Rücken tätowiert und gezeigt werden.

© 2008 HORI-SHI Film Partners; German Version produced by Anime Virtual S.A.
Ein sogenannter Ganz-Körper-Anzug

Diese Bilder sind das, was „Hori-shi“ trotz der spärlichen Informationen zu einem Highlight für Tätowier-Freudige machen. Detaillierte Aufnahmen von vollendeten Irezumi erfüllen den Zuschauer unwillkürlich mit einer fast schon ehrfürchtigen Faszination – komplexe Gemälde von mythologischen Gestalten, Naturelementen, Tieren und anderem ziehen sich über Rücken, Schultern, Arme, Brust und/oder Beine, bis es scheint, als sei die Tätowierung tatsächlich ein Gewand ihres Trägers. In leuchtenden Farbtönen und präzisen Motiven kann man nicht umhin, die Kunstfertigkeit der Meister zu bewundern – und die Toleranz derjenigen unter ihrer Nadel.
Zu den typisch japanischen Bildelementen stellt die Dokumentation einige Erklärungen zusammen, die anhand von Beispielen die Bedeutung und Tragweite der jeweiligen Motive erläutern. Spätestens an dieser Stelle merkt man als westlicher Zuschauer, welch unterschiedliche Tradition die japanische Tätowier-Kunst begründet hat. Irezumi auf der Haut zu tragen, gilt als fast schon spirituelle Erfahrung, die das Wesen des Menschen stärkt.

Disc
Das MenĂĽ

Das Menü ist schön gestaltet – vor einem schwarzen Hintergrund ist ein Männertorso mit einer Irezumi-Zeichnung auf dem Oberarm platziert, daneben ein nur in Konturen umrissener Schmetterling. Eine Reihe von kleinen Szeneneinblicken rundet den eleganten Eindruck ab. Man hat lediglich die Auswahl zwischen dem Filmstart und den Untertiteln, da weder deutsche Synchronisation noch Extras auf der Disc zu finden sind. Die japanische Tonspur ist in Dolby Digital 2.0 enthalten, verfügt dafür aber unter Untertitel in Deutsch, Polnisch, Französisch und Englisch. Dank der vielen farbenprächtigen Nahaufnahmen von Irezumi-Bildern sind die Untertitel häufig schlecht zu lesen. Das Bildformat 16:9 ist kontrastreich, so dass sich die Kunstwerke in ihrer vollen Pracht zeigen können, auch wenn die Aufnahmequalität an sich durchaus besser sein könnte. Untermalt ist die Optik mit wunderschön orchestrierten Klängen japanischer Instrumente, die die oft eher poetischen Kommentare des Sprechers nicht mehr ganz so fehl am Platz wirken lassen.
Die Instrumente eines Hori-shi

Bonusmaterial
„Hori-shi“ enttäuscht mit Extras – weder Booklet noch Trailer ergänzen die Dokumentation, so dass sie rein für sich stehen muss. Nicht einmal ein Wendecover gegen das lästige FSK-Zeichen wird geboten.

Verpackung
Die schlichte Aufmachung setzt sich bei der Verpackung fort. Eine einfache schwarze Plastikhülle beherbergt die Disc, wird aber zumindest mit einer schönen Irezumi-Aufnahme auf dem Cover geziert. Dessen Flair ruiniert leider das gelbe FSK-Zeichen, das die Dokumentation ab sechs Jahren freigibt. Auf der Rückseite findet man einen gut geschriebenen Text zur Dokumentation und einige vielversprechende Screenshots.
Auch der Falke wird oft dargestellt

Fazit
„Hori-shi“ fasziniert mit detailreichen Nahaufnahmen von japanischen Ganz-Körper-Tätowierungen und Einblicken in die Studios bekannter Meister. Mit 61 Minuten versucht die Dokumentation gar nicht, primär Informationen zu vermitteln, auch wenn ihr einige aufschlussreiche Kommentare nicht abzusprechen sind. Doch der ganze Gestus dieses Films ist weniger informativ als huldigend – was interessierten Zuschauern dennoch einen guten Zugang zu dieser ungewöhnlichen Kunst verschafft. Allerdings ist das eher ein Genuss für Liebhaber, denn ohne deutsche Synchronisation und mit der minimalistischen Aufmachung dieser Veröffentlichung wird nicht jeder etwas damit anfangen können.

Wir bedanken uns bei Eye See Movies fĂĽr das Rezensionsexemplar zu "Hori-shi".

von Nana-shi