Bug Boy – Hino Horror Nr. 2 - Review
EINLEITUNG:
Als zweiten Band der Reihe Hino Horror veröffentlichte Schreiber & Leser den Manga Bug Boy, den Hideshi Hino unter dem Originaltitel Dokumushi kozō bereits 1975 in Japan publizierte. Bereits das in Grün gehaltene Cover weist auf den Inhalt des Mangas hin: ein ekelhaft gezeichneter Wurm heftet sich an eine Bettdecke, während hinter ihm die leere und leblose Hülse eines Menschenkörpers vor sich hin vegetiert. Auch wenn sich Bug Boy nahtlos in das Gesamtwerk des renommierten Horror-Mangakas einordnet, sticht der Band doch in mancher Hinsicht aus eben diesem heraus, denn: „Dies ist die traurige Geschichte von einem Jungen, der an einem verhängnisvollen Übel litt.“
Der etwa elfjährige Junge Sanpei Hinomoto hasst die Schule. Lernen macht ihm, im Gegensatz zu seinen zwei fleißigen Geschwistern, keinen Spaß und stattdessen träumt er lieber vor sich hin oder spielt mit seinen Freunden: Insekten, Würmern, Schlangen und andere Tiere. Dass er die ab und zu auch mit ins Klassenzimmer nimmt, macht ihn dementsprechend unbeliebt bei seinen Lehrern und Mitschülern. In den Pausen sitzt er stets alleine und auf dem Nachhauseweg wird er von anderen Schülern verprügelt. Viel rosiger schaut es in Sanpeis Leben auch nicht aus, wenn er nach Hause kommt. Dort tadeln ihn seine Eltern ständig wegen seiner schlechten Noten und seiner Sonderbarkeit, der Vater schlägt ihn gar.

Sanpei sucht sich ein neues Zuhause, einen Zufluchtsort – die örtliche Müllhalde. In dieser gräbt er sich eine Höhle, in der er sich um verwahrloste Hunde und Katzen, um Schlangen und um Insekten kümmert. Tiere aller Art sind Sanpeis große Leidenschaft, sie sind für ihn der Ersatz für die Menschen. Und so hat es eine gewisse Ironie, dass gerade ein Insekt einen fatalen Schicksalsschlag in Sanpeis Leben bringt. Als er eines Tages erbrechen muss, kommt im Erbrochenen ein Wurm zum Vorschein. Als er diesen hochhebt, sticht der Wurm Sanpei prompt mit dem Stachel in den Finger. Sanpei fällt augenblicklich in Ohnmacht. Als er aufwacht, beginnt eine Periode voller Schmerz.

Sanpei verwandelt sich nach und nach, unter großem Leiden, selbst in einen Wurm. Zunächst verliert er Arme und Beine, sein Gesicht wird entstellt. Schließlich löst er sich mittels Häutung von seinem alten Körper los und die Verwandlung ist vollzogen: der Junge ist nun ein Wurm, ein gigantisches Insekt. Seine Familie ist schockiert und angeekelt von Sanpeis Verwandlung und beschließt schlussendlich gar, ihn zu vergiften und den toten Wurm im Garten zu vergraben. Doch niemand ahnt, dass Sanpei tief unter der Erde noch am Leben ist und fortan ein tristes Leben in vollkommener Einsamkeit führen muss…
Sanpei erfreut sich am Meer
Sanpei erfreut sich am MeerBildausschnitt erweitern

Im Gegensatz zum zehn Jahre später entstandenen, ersten Band der Hino Horror-Reihe, Red Snake geht das Sonderbare, der „Horror“, wenn man so will, hier von der Hauptfigur aus. Sanpeis Verwandlung wird detailreich und intensiv geschildert. Dass Sanpei anfangs aber ein normaler Junge ist, der durch seine Träumerei und durch seine Affinität zu kleinen Tieren zum Außenseiter wird, und dass die ganze Geschichte nur aus seiner Sicht geschildert wird, bringt den Leser dazu, mit dem Protagonisten zu sympathisieren und sich mit ihm zu identifizieren.

Der Leser kann das Grauen hier in sich selbst entdecken. Im weiteren Verlauf der Handlung wird Sanpei durch die ständige Einsamkeit gar zum skrupellosen, unmenschlichen Mörder – und trotzdem ist er weiter jene Person, mit der sich der Leser identifizieren soll. Vielleicht ist der Manga gerade dadurch erschreckender als gewöhnliche Horrorcomics.
Der Vater ist mit dem Sohn nicht zufrieden
Der Vater ist mit dem Sohn nicht zufriedenBildausschnitt erweitern

Bei Bug Boy drängt sich ein literarischer Vergleich auf. Dass ein in ein Insekt verwandelter Mensch, in ein Zimmer eingesperrt, mit seiner neuen Situation klar kommen muss und gleichzeitig in starkem Konflikt zu seiner Familie steht, erinnert stark an Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung. Wird die Familie bei Kafka facettenreicher geschildert, konzentriert sich Hino (wie etwa auch der deutsche Comiczeichner Sascha Hommer in seinem Band Insekt) vor allem auf die nüchterne Schilderung des Werdegangs Sanpeis und dessen Außenseitertum. Bei Bug Boy ist die Familie, bis auf die Schwester, die ab und zu Mitleid für ihren Bruder empfindet, durchgehend ablehnend gegenüber Sanpei und wird dadurch negativ und egoistisch gezeichnet. Vater und Mutter loben oder unterstützen ihren Sohn nie, sondern kritisieren nur seine schlechten Noten und der ältere Bruder hat nach Sanpeis Verwandlung nur die Sorge, dass er durch den Gestank des Bruders kaum die Möglichkeit finden wird, für die Schule zu lernen.

Hinos avantgardistischer Zeichenstil ist in diesem Band noch weitaus weniger gereift. Zwar hat auch hier der Protagonist die charakteristischen großen, blutunterlaufenen Augen, aber die anderen Figuren sind einfacher und weniger interessant gezeichnet. Auch der Einsatz von Schraffuren und von Schwarzflächen ist bei Bug Boy noch nicht auf seinem Höhepunkt, die Panelaufteilung ist sehr traditionell gehalten. Dennoch ist etwa in der Gestaltung des Wurmes die bizarre Ader des Zeichners stark spürbar.

Die deutsche Veröffentlichung ist erneut aus dem Englischen übersetzt, liest sich aber flüssig und bietet ein Nachwort des Herausgebers. Der Druck und die Gestaltung des Covers sind, wie bei Schreiber & Leser üblich, gut gelungen.

Wir bedanken uns bei Schreiber & Leser für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!
FAZIT:
Weniger ein Horror-Manga und vielmehr die überspitzte Auseinandersetzung mit dem Motiv des Individuums, das in der Gesellschaft keinen Platz findet und deswegen in der vollkommenen Einsamkeit endet, bietet der tragische, geradlinige Handlungsverlauf dem Leser, der für alternative Manga offen ist, ein überzeugendes Frühwerk Hideshi Hinos.

© 1985, 2004, 2006 Hideshi Hino represented by DH Publishing, Inc.
© 2007 Verlag Schreiber & Leser

von Shiohigari    

Bug Boy – Hino Horror Nr. 2 - Verpackung
-- 7.8 --
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  • Originaltitel:
  • Deutscher Titel:
    Bug Boy – Hino Horror Nr. 2
  • Japanisch Kanji:
    毒虫小僧
  • Art/Typ:
    Softcover
  • Genre:
    Horror, Drama
  • Bände:
    1, ca. 200 Seiten pro Band
  • ISBN:
    9783937102689
  • Produktionsjahr:
    1975
  • Manga Release:
    Deutscher Release 00.00.0000
Bewertung
  Zeichnung
 
  Story
 
  Charaktere
 
  Tiefgang
 
Gesamtwertung:     7.75
Bewertung
Freigegeben ab 16 Jahren