Liebe und andere Lügengeschichten - Review
EINLEITUNG:
Wenn shodoku einen Einzelband mit dem Titel Liebe und andere Lügengeschichten und mit einem in auffälligen Rot gehaltenen Cover veröffentlicht, ist das Grund genug, mindestens zwei Blicke darauf zu werfen, vor allem wenn man die Zeichnerin Kiriko Nananan kennt und weiß, was für eine Art von tiefgründigem Josei-Manga man bei ihr erwarten darf. Es sind Geschichten, die zwischenmenschliche Beziehungen so beschreiben, dass teilweise nur noch Gefühl übrig bleibt. Und dieses Gefühl ist unbestimmbar. Manchmal ist es Schmerz, dann wieder Freude und manchmal Orientierungslosigkeit, aber eines ist es immer: eine Lüge.
Szene aus "Sein Duft"
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Der Band, der 1997 beim Verlag Magazine House erschienen ist und im Original den Titel Itaitashii Rabu (auf Deutsch in etwa „Schmerzvolle Liebe“) trägt, vereint 23 Kurzgeschichten, die sich alle dem titelgebenden Thema widmen. Im Mittelpunkt stehen immer moderne Japaner, sowohl Frauen als auch Männer, die dem Leser, oft mittels Monologe, ihre Lage schildern. Ein Mann geht auf den Strich und schläft so lange mit älteren Frauen, bis er die Augen aufmacht und sich übergeben muss. Eine Frau ist in ihren Arbeitskollegen verliebt und will mit ihm ihr „erstes Mal“, nur um festzustellen, dass letzten Endes der „banale Alltag“ das Wichtigste ist. Und dann wieder geht es um ein Paar, dessen Beziehung aus einem Auf und Ab von Schmerzen besteht, das aber trotzdem nicht ohne einander kann.

Zur Veranschaulichung seien hier ausführlichere Beispiele gegeben: In der Geschichte Klein und goldig geht es zum Beispiel um eine Frau, die ihren Job zwar gut macht und auf oberflächliche Art gut mit ihren KollegInnen auskommt, ihre MitarbeiterInnen aber eigentlich zutiefst verabscheut, weil sie den ganzen Tag nichts anderes zu tun wissen, als sich über andere ihr Maul zu zerreißen. Die Protagonistin, deren Name auf den acht Seiten nicht genannt wird, weiß, dass sie das ein oder andere Mal auch schon über sie hergezogen sind, wohl vor allem über ihr Beziehungsleben. Sie ist mit einem Mann namens Hino liiert und zergrübelt sich dann, wenn sie abends endlich ungezwungen leben und denken darf, den Kopf, was sie machen wird, wenn sie Hino das nächste Mal sehen wird. Auch ihre Wünsche schildert sie dem Leser: „Ich würde es gern mal im Bad treiben… Und dann Hino beim Pinkeln zusehen. Es ist kein großartiger Anblick, aber er ist so goldig.“

Eine andere achtseitige Geschichte wirft die Frage auf, ob man lieber lachen oder weinen sollte. Die weibliche Hauptfigur geht mit einer Freundin, Yo, in den Park, um dort Feuerwerke anzuzünden. Die beiden haben Spaß und lachen ständig, doch will die Hauptfigur Yo die ganze Zeit sagen, dass sie eine Affäre mit ihrem Freund hat, doch sie kann sich nicht dazu durchringen. Sie hat Angst, dass sie Yo enttäuscht, dass diese zu weinen beginnt und dass Yo sie hassen wird. Und die Pointe? Yo weiß schon längst von der Affäre und – lacht. „Mir wäre es lieber gewesen, wenn sie geweint hätte.“

Doch gibt es auch Geschichten, die aus der Thematik „schmerzvolle Liebe“ herausragen und die eher humorvoll aufzufassen sind. In Ein freier Tag 2 macht die Autorin sich über den Kitsch der Mainstream-Shōjo-Manga lustig und beschreibt, wie wenig sich manche Frauen in diesen Geschichten wieder finden.

© 1997 Kiriko Nananan
© 2008 Verlag Schreiber & Leser

Nananan erreicht mit ihren Erzählungen eine Nähe zu den Figuren, wie sie selten vorkommt. Sie zeichnet Menschen, die wie aus dem Leben gegriffen sind, die alle individuell sind. Manche leben vollkommen unkonventionell, beginnen gleichzeitig aber auch, ob ihrer Orientierungs- und Zukunftslosigkeit über das nachzudenken, was sie nicht haben. Andere wiederum sind in Konventionen gefangen und zerbrechen irgendwann an diesen. Oft geben Nananans Figuren sich nach außen hin anders, als sie eigentlich sind. Diese Unterschiede merkt man etwa dann, wenn eine Frau nach außen hin ständig lächelt, in den daneben gestellten Monologen – weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund oder umgekehrt – aber ihre tiefe Traurigkeit beschreibt, ihre Zweifel an sich selbst, an dem Gesprächspartner, an ihrer Umwelt. Nananans Figuren regen zur Identifikation an.

Wie sie schon eindrucksvoll in dem ebenfalls bei Schreiber & Leser erschienenen Band blue, in dem es um eine gleichgeschlechtliche Liebe zwischen zwei Oberschülerinnen geht, bewiesen hat, kann die Zeichnerin ihre Ideen auf einzigartige Weise auf Papier festigen. Nananan ist Teil der „Nouvelle Manga“-Stilrichtung, die einen Austausch von europäischen und japanischen Zeichenstilen zugunsten einer höheren Vielseitigkeit in beiden Comicregionen fördert und der etwa auch Jiro Taniguchi, Frédéric Boilet, Kan Takahama und Hideji Oda angehören. Gleichzeitig steht die Mangaka, wie Erica Sakurazawa und Moyoco Anno, für eine alternative Ausrichtung des Josei-Manga, die sich von den Josei-Magazinen der großen Verlage abgrenzt und sich nicht mit Hausfrauen und niedlichen Familiengeschichten beschäftigt, sondern vor allem das Leben moderner, emanzipierter Frauen in Japan beschreiben will.

Die Außergewöhnlichkeit von Nananans Mangas in optischen Belangen äußert sich in minimalistischen Darstellungen von Figuren, die mit einem Kontrast von leichten Strichen mit größeren Schwarz- oder Weißflächen präsentiert werden und die teilweise gar an die Werke großer Jugendstilmaler erinnern. Manchmal zeigt sie die Charaktere in Nahaufnahmen, manchmal in Profilansichten, manchmal liegend, manchmal dem Leser den Rücken zugekehrt. Jeder Strich ist Teil eines Gesamtkonzepts.
Auch zwischen den einzelnen Geschichten sind grafische Unterschiede festzustellen. In Im Park etwa arbeitet die Mangaka weniger mit Schwarz, sondern zeichnet ihre Figuren fast ausschließlich mit der Hilfe von Weißflächen und zarten Strichen, während der Rasterfolien-Hintergrund die abendliche Sommerstimmung unterstreichen soll.
Szene aus "Im Park"
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Wir bedanken uns bei Schreiber & Leser für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!
FAZIT:
Mit den 23 einzelnen Geschichten in Liebe und andere Lügengeschichten ist Kiriko Nananan eine große Vielfalt gelungen. Stets beschreibt sie Figuren auf eine Weise, die wie aus dem Leben gegriffen scheint. Gefühle werden beschrieben, ohne je in Kitsch zu verfallen. Gleichzeitig zeigt die Mangaka auf, dass bei ihr Bild und Text zusammengehören: Ihr minimalistisches Spiel mit Schwarz und Weiß vermag es, Momentaufnahmen zu zeigen, bei denen der Leser das Gefühl hat, sie so und nicht anders sehen zu wollen. Die Monologe von Nananans Protagonisten regen stark zur Identifikation an und machen den Comic für jene Leser, die auf diese Identifikation eingehen können, also wohl vor allem ein erwachsenes, modernes, anspruchsvolles Publikum, zu einem unvergesslichen Leseerlebnis.

von Shiohigari    

Liebe und andere Lügengeschichten - Verpackung
-- 8.25 --
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  • Originaltitel:
  • Deutscher Titel:
    Liebe und andere Lügengeschichten
  • Japanisch Kanji:
    痛々しいラヴ
  • Alternativtitel:
    Amours blessantes (Französisch)
  • Art/Typ:
    Softcover
  • Genre:
    Romantik, Drama
  • Bände:
    1, ca. 200 Seiten pro Band
  • ISBN:
    9783937102955
  • Produktionsjahr:
    1997
Bewertung
  Zeichnung
 
  Story
 
  Charaktere
 
  Tiefgang
 
Gesamtwertung:     9.5
Bewertung
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