EINLEITUNG:
Wenn ein Zeichner wie Ryoichi Ikegami mit einem Szenaristen wie Buronson zusammenarbeitet, heißt das: Kriminalität, Sex und (Waffen-)Gewalt, dargestellt auf unsentimentale Art und Weise. Das ist auch die Devise des Seinen-Mangas strain, der von 1996 bis 1998 im japanischen Magazin Big Comic Superior erstveröffentlicht wurde und nun mit Schreiber & Leser und deren Label „Shodoku“ einen deutschen Verlag gefunden hat. Bereits in den 1990er Jahren hat der Verlag die Ikegami-Serien Crying Freeman und Sanctuary herausgebracht und will sich mit strain nun diesen beiden Mangas anschließen.
Ein Japaner mit dem Spitznamen Mayo – zu Deutsch „Pferd“ – lebt in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur und ist dort als Aufträgsmörder tätig, besonders berüchtigt für seinen geforderten Lohn: für jeden begangenen Mord verlangt er nur fünf Dollar. Mehr ist ein Mensch nicht wert, sagt er. Diese Gefühllosigkeit legt er so gut wie gar nie ab, höchstens wenn er leidenschaftliche Portraits von Pferden auf weiten Feldern malt, die er allesamt in seiner Wohnung verstaut.
Und so bekommt Mayo Aufträge von den korruptesten Firmenbossen Malaysias, bis er eines Tages die schwerkranke Mutter des zwölf- oder dreizehnjährigen Mädchen Shion umbringen soll, das, auf sich selbst gestellt, trotz seines jungen Alters schon auf den Strich geht. Shion gelingt es, in Mayo doch Emotionen zu wecken und seine Gefühllosigkeit abzulegen: er bietet ihr an, ihm das Doppelte, also zehn Dollar zu zahlen, wofür er nicht ihre Mutter, sondern den Auftraggeber umbringen will.
Mit Erhalt der zehn Dollar macht sich Mayo sogleich auf den Weg und tötet den Auftraggeber, ein hohes Mitglied einer malaysischen Mafia-Organisation. Mit diesem Mord bekommt Mayo neue Feinde: die Organisation des Getöteten, die auch mit der Ölindustrie und mit japanischen Firmen wie etwa dem mächtigen Kusaka-Konzern zusammenarbeitet. Seine letzte Chance, den Zorn der Organisation zu besänftigen, wäre, Shion umzubringen. Diese jedoch zieht, nachdem ihre Mutter gestorben ist, sogar bei ihm ein und entdeckt in seiner Wohnung ein Bild eines Pferdes vor einem Berg auf Hokkaidō. Die Landschaft kommt ihr bekannt vor, ist doch ein Foto ihrer Mutter vor derselben Kulisse in Japan aufgenommen worden. Das Foto wurde von ihrem Vater, einem Japaner, gemacht. Shions größter Wunsch ist es, nach Japan zu fahren und ihren Vater zu suchen.
Und so entscheidet Mayo, Shion am Leben zu lassen und es stattdessen mit der Organisation aufzunehmen. Diese hat währenddessen bereits den Polizisten Angel auf ihn angesetzt, der als besonders pervers gilt…
© 1997 by Buronson, Ryouichi Ikegami
© 2008 Verlag Schreiber & Leser
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Das englische Wort „Strain“ bedeutet sowohl „Belastung“ als auch „Abstammung“ – und so spielen die Gene in dem Manga eine wichtige Rolle. Sie sind gar der Spannungsfaktor – wer ist Shions Vater und was hat Mayos familiärer Hintergrund damit zu tun? Und vor allem: was hat Mayo zu dem kalten und abweisenden Auftragsmörder gemacht, als der er nun in Malaysia agiert? Buronson, dessen bekanntestes Werk Fist of the North Star ist, und Ikegami zeichnen kein Familienbild der Idylle und des Zusammenhalts, sondern ein zerrütteltes, in dem Betrug den Lebensinhalt prägt. Der erste Band wirft in diesem Zusammenhang vieles in den Raum und will so für Spannung sorgen, was ihm zwar größtenteils, aber durch ein paar verstreute Logiklöcher und Klischees nicht immer gelingen mag. Dadurch erreicht der Manga nicht die Größe und Komplexität, die etwa Garon Tsuchiya und Nobuaki Minegishi in Old Boy mit ähnlichen Themen erreicht haben.
Herausragend ist Ryoichi Ikegamis hyperrealistischer Zeichenstil, mit dem er männliche Figuren entwirft, denen man gerne das Attribut der „Coolness“ anhängen möchte. Ein muskelbepackter Protagonist, der nie lacht und der auf über 200 Seiten so gut wie nie einen Mundwinkel bewegt, ist wie geschaffen für die Feder Ikegamis, die ähnliche Striche schon mit dem „Crying Freeman“ produziert hat. Dadurch, dass Mayo so unaufgeregte Gesichtsregungen hat, wird er jedoch zeichnerisch bei weitem durch die Nebenfiguren, wie etwa der psychopathischen Darstellung des Polizisten Angel und dessen Engelstattoo, übertrumpft. Quasi das Gegenstück zu all den Männlichkeitspersonifizierungen bildet Shion, der eine ähnliche Rolle wie etwa Jodie Foster in Taxi Driver und Natalie Portman in Léon – der Profi zukommt: die der Jungprostituierten beziehungsweise des schlagfertigen Mädchens mit der zerrüttelten Familie.
Die Zeichnungen sind bestimmt von perfekt gesetzten Schraffuren und viel Rasterfolie, mit der in den richtigen Momenten die Düsternis erzeugt werden soll, für die bei filmischen Thrillern die Beleuchtung zuständig ist. übersetzt erzählt Buronsons Geschichte in eher wortkarger und dafür umso actionreicherer Manier in die Sprache des Comics, mit teilweise ganzseitigen Panels, wenn die Spannung Überhand nimmt. Für diese Erzählweise eignet sich das große Format von Schreiber & Leser besonders gut, das die detailliert ausgeführte Schwarzweißgrafik zu einem angenehmen Leseerlebnis macht.
Wir bedanken uns bei Schreiber & Leser für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!
FAZIT:
Dank eines auf Spannung ausgelegten, flüssigen Handlungsverlaufs und einer passenden, realistischen Optik gelingt es dem Autorenduo, mit diesem ersten Band zu unterhalten und für Vorfreude auf die Folgebände zu sorgen, ohne eine wirklich vielschichtige Geschichte zu entwerfen. Durch Gewalt- und Sexszenen ist strain wohl vor allem für ein erwachsenes Publikum geeignet und hier vor allem für solche Leser interessant, die Gefallen an harten Thrillern finden.
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